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Komfortabler Kopfschutz

22.10.2014 | 8:00 Uhr

KAUFBERATUNG SKIHELME
KOMFORTABLER KOPFSCHUTZ

Skihelme sind von den Pisten nicht mehr wegzudenken. Im Laufe der letzten Jahre hat sich ihre Ausstattung stetig verbessert. Auch die Auswahl ist immer größer geworden. DSV aktiv hat 13 neue Helmmodelle auf Tragekomfort, Bedienung, Belüftung und Akustik getestet.

„Es gibt viele gute Helme auf dem Markt. Wo sich der sehr gute vom guten Helm unterscheidet, ist im Bereich Akustik.“ So lautete das Fazit des DSV-Sicherheitsexperten Andreas König nach dem Skihelm-Test von DSV aktiv im September 2014 am Hintertuxer Gletscher in Tirol.

5 DSV-Tester hatten bei guten Pisten- und wechselhaften Wetterbedingungen 13 Helme auf Herz und Nieren geprüft. Der Test bezog sich allein auf ihre subjektive Wahrnehmung in Hinblick auf Tragekomfort, Bedienung, Belüftung und Akustik der Helme.
Ein Schlag- oder Durchdringungstest wurde nicht durchgeführt. Alle Testhelme erfüllten aber die europäische Schutznorm „Helme für alpine Skiläufer und für Snowboarder“ (EN 1077), in der diese Prüfungen zwingend vorgeschrieben sind.
Die bei den Herstellern angeforderten Helme lagen in der Preisklasse zwischen 119 und 159 € in der Größe M (56-59 cm Kopfumfang). Die Skibrillen kamen – wenn vorhanden – vom gleichen Hersteller und entsprachen der jeweiligen Setup-Empfehlung.

Von einer Gesamtbenotung wurde abgesehen. Im Laufe des Tests setzte sich bei den Testern die Erkenntnis durch, dass der Sitz der Helme aufgrund der unterschiedlichen Kopfformen individuell stark variiert – was Folgen für Akustik und Belüftung hat. „Wenn der Helm zu groß ist, pfeift es, und es ist kalt an den Ohren“, stellte König fest.
Ein wichtiges Testergebnis lautet daher: Man sollte sich vor dem Kauf viel Zeit bei der Anprobe nehmen. „Gehen Sie in ein Geschäft, in dem die Auswahl der Helmhersteller und Helmtypen groß ist. Einen Helm über das Internet zu bestellen, geht gar nicht!“, appellierte Andreas König. Was beim Test noch auffiel: Ein Helm muss nicht zwingend schlecht passen, wenn im ersten Moment die Polsterung drückt. Es kann sein, dass er nach 5 Minuten sehr bequem sitzt.
Auch das Zusammenspiel mit der Skibrille spielt eine große Rolle. „Einen Helm sollte man nur mit Skibrille anprobieren, idealerweise mit der eigenen“, so König. Eine Goggle diene nicht nur dem UV-Schutz, sondern auch der Sicherheit: „Nur wenn ich gut sehe, kann ich alle Situationen wahrnehmen und einschätzen.“ Insbesondere für Kinder sei eine Skibrille Pflicht.
Unabdingbar ist es auch, schon beim Kauf die Bedienbarkeit des Helms mit Handschuhen zu testen. Ebenfalls im Laden überprüfen kann man die schon erwähnte Akustik. Hier zeigten sich teilweise große Unterschiede. Dabei ist gutes Hören auf der Piste ein wesentlicher Sicherheitsaspekt. „Bei manchen Helmen hallt es stark, wenn ich spreche. Bei anderen höre ich wunderbar – ohne Einbußen bei der Isolation“, erläutert König. Wichtig ist ihm: „Kopfhörer haben in einem Helm unter Sicherheitsaspekten nichts verloren!“
Nach 13 geprüften Helmen zogen die Tester eine positive Bilanz: In allen Bereichen haben sich die Helme in den letzten Jahren stark verbessert. König rät daher Besitzern älterer Helme, sich den Kauf eines neuen Modells zu überlegen. „Nach 5 bis 6 Jahren löst sich bei vielen Materialien durch die UV-Strahlen der Weichmacher. Dann gehört der Helm ausgetauscht. Nebenbei hat man nun auch ein besseres, weiterentwickeltes Produkt!"

Hier gehts zu den Testergebnissen!

3 Experten im Interview: Thomas Dautermann (Leiter Qualitätsmanagement bei Uvex), der DSV-Sicherheitsexperte Andreas König und Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Sportl. Veit Senner von der TU München geben Tipps rund um den Skihelm.

Wie wichtig ist die Passform eines Helms für seine Schutzfunktion?
Thomas Dautermann: Sehr wichtig. Ein Helm muss richtig passen und eingestellt sein. Wenn er wackelt, kann er seine Schutzfunktion nicht erfüllen. Man sollte auch keine Pudelmütze darunter tragen oder es wie manche Snowpark-Fahrer machen: Innenausstattung raus, Mütze drunter, Helm locker nach hinten – da kann man sich auch gleich gar keinen Helm anziehen!

Wie kann ich bei der Anprobe kontrollieren, ob ein Skihelm die richtige Passform hat?
Dautermann: Der Helm muss im Stirnbereich eineinhalb Finger über der Augenbraue schön sitzen. Das Tragesystem muss gut eingestellt und geschlossen sein, damit man ihn nicht abstreifen kann. Wenn man den Helm auf dem Kopf hin und her bewegt und sich vorne über den Augen die Kopfhaut mitbewegt, dann ist er richtig eingestellt. Und man sollte keine lokalen Druckstellen spüren.

Wo liegen die Vor- beziehungsweise Nachteile von direkter und indirekter Belüftung?
Dautermann: Bei der direkten Belüftung kommt die kalte Luft direkt auf den Kopf. Bei geöffneten Belüftungsschiebern hat man lokale Auskühlungen. Das ist eher ein Nachteil. Die indirekte Belüftung ist wie eine Klimaanlage. Sie hält das Klima zwischen Helm und Kopfhaut konstant. Die Luftströmung transportiert feuchte Luft ab. Das ist angenehmer.

Wie reagieren die Hersteller auf das unterschiedliche Wärme- und Kälteempfinden der Menschen?
Dautermann: Man kann mit oder ohne, mit viel oder wenig Belüftung fahren; es gibt Helme mit und ohne Ohrenpolster oder auch spezielle Hauben, die man unter dem Helm tragen kann – das ist alles schon sehr individuell. Wenn man einen guten, komfortablen, belüfteten Helm hat, kann ihn jeder an seine persönlichen Bedürfnisse anpassen.

Die FIS hat letzte Saison eine strenge neue Norm für die Speed-Disziplinen in Kraft gesetzt. Hat das Auswirkungen für den Endverbraucher?
Dautermann: Diese Helme haben 3 Zulassungen: EN 1077, ASTM F-2040 und die erhöhten Impact-Anforderungen der FIS. Aber ob das für Otto Normalskifahrer nötig ist? Möchte man eine höhere Energieabsorption haben, muss man in teurere Materialien investieren – bei Uvex z. B. Karbon oder Hartschalen. Neben dem Preis ist auch das Gewicht höher. Ein guter Inmould-Helm wiegt heute 350 Gramm, ein Schutzhelm nach FIS-Anforderungen 100 Gramm mehr. Wir haben zwar solche Helme im Programm, aber die sind für ambitionierte Skirennfahrer gedacht. Ein normaler Skifahrer ist mit einem gängigen EN-1077-Helm, der ihm gut sitzt, sehr gut beraten.

Was ist der Unterschied zwischen den Schutznormen EN 1077 A und B?
Andreas König: Bei Kategorie „A“ ist die Schutzhülle über das Ohr heruntergezogen. Diese Helme werden meist im Weltcup, bei Rennen oder bei Kindern eingesetzt. Bei Kategorie „B“ hört die Schutzhülle über dem Ohr auf. Es wird mit weichen Polstern geschützt. Das hat den Nebeneffekt, dass man besser hört.

Welche Tests werden bei der europäischen Schutznorm für Skihelme  EN 1077 durchgeführt?
König: 2 Tests sind ausschlaggebend: Beim Falltest wird der Helm mit einem Prüfkopf aus 1,5 Meter Höhe fallengelassen. Die Energie, die der Helm aufnimmt, wird gemessen und darf einen gewissen Wert nicht überschreiten. Beim Durchdringungstest wird mit einem spitzen Gegenstand auf den Helm geschlagen, ohne dass er ihn durchstoßen darf. Das ist bei der Belüftung entscheidend: Man will ja einerseits möglichst große Belüftungslöcher; andererseits darf eine Skistockspitze nicht  zum Kopf durchkommen.

Entspricht die EN 1077 noch den aktuellen Anforderungen und technischen Standards?
König: Die Norm ist älteren Baujahrs. Die EN 1077 ist vor den Carving- und Rocker-Ski sowie der sehr guten Pistenpräparation von heute entstanden. Seitdem hat sich das Skifahren weiterentwickelt. Man fährt heute größere Kurvengeschwindigkeiten. Die Pisten sind härter, und mehr Leute fahren mit Helm. Da sollte man sich Gedanken machen, ob man die Anforderungen nicht höher stellen sollte. Ich denke, rein technisch wäre das möglich.

Es gibt ja unterschiedlich voluminöse Helme. Hat die Dicke der Schutzschicht Auswirkungen auf die Sicherheit?
König
: Das Volumen alleine ist kein Indiz, dass ein Helm mehr Impact aufnimmt. Die Energieaufnahme erfolgt durch die Außenschale sowie das Dämmmaterial darunter. Dieses kann man sich wie weiterentwickeltes Styropor vorstellen. Da gibt es Styropore, die sehr dünn sind und sehr viel Energie aufnehmen. Und es gibt Styropore, die sind sehr voluminös und nehmen dennoch nur die gleiche Energie auf.

Ist es gefährlich, unter dem Skihelm eine Sonnenbrille statt einer Skibrille zu tragen?
König: Gefährlich ist auf jeden Fall eine normale Sonnenbrille, weil sie meist Metallbügel hat. Diese können brechen und sich in die Kopfhaut einbohren. Die Sport-Sonnenbrille ist dagegen aus Kunststoff. Wenn sie nach Norm gefertigt ist, dürfen bei ihr Glas und Rahmen nicht brechen. Die Kombination Skihelm und Sonnenbrille ist problematisch, weil es immer irgendwo zieht oder der Bügel unter dem Helm drückt. Rein sicherheitstechnisch ist es jedoch kein großes Problem. Die beste Kombination bleibt aber Skihelm und Skibrille. Alle Skibrillen bieten heute einen UV-Schutz wie die normale Sonnenbrille – wenn nicht sogar noch mehr, weil sie ja rundum abgeschlossen sind.

Immer wieder sieht man bei Skirennen nach Stürzen gebrochene Helme. Soll der Helm bei einem Aufprall brechen oder zeigt das mangelnde Qualität an?
Veit Senner: Eigentlich soll er nicht brechen. Die Qualität ist deshalb aber nicht schlecht. Wenn die Impact-Lasten bei einem Sturz im alpinen Skirennsport so hoch sind, dass es weit über die Norm hinausgeht und der Helm bricht, würde ich nicht von minderer Qualität sprechen. Je mehr Deformationsweg zur Verfügung steht, desto besser ist es. Das Innenmaterial bietet diesen Verformungsweg. Die Schale vermeidet das Eindringen von spitzen Gegenständen, ist aber eigentlich nicht verformbar. Wenn nun durch einen besonders energiereichen stumpfen Aufprall, der von den Normprüfungen nicht mehr abgedeckt ist, der Verformungsweg des Innenmaterials überschritten wird, dann könnte die Schale tatsächlich bersten, was einen gewissen zusätzlichen Teil der Energie vernichtet. Die Kräfte, die dabei auftreten, sind viel höher als bei der Normprüfung vorgesehen. Daher kann das schon einmal passieren.

Nach wie vielen Jahren sollte ein Skihelm wegen Materialermüdung ausgetauscht werden?
S
enner: Das ist sehr unterschiedlich. Es hängt stark davon ab, aus welchem Material der Helm besteht. Manche Hersteller sagen 10, andere 5 Jahre. Es ist auch davon abhängig, wie oft man draußen war. Kunststoff reagiert empfindlich auf Sonnenbestrahlung. Wenn man sehr viel draußen ist, würde ich eher für 5 Jahre plädieren. Wenn man nur ein paar Mal im Winter am Berg ist, hält er locker 10 Jahre. Neuere Materialien wie Karbonfaserverbundwerkstoffe altern nicht so stark.

Kann man nach einem Sturz an äußeren Merkmalen feststellen, ob ein Helm defekt ist?
Senner: Wenn man äußere Merkmale sieht, dann ist er definitiv auszutauschen. Eine harte Außenschale ist bis zu einem gewissen Grad verformbar. Wenn dann ein Karbonfaserverbundwerkstoff so beschädigt ist, dass man es von außen sieht, ist der Schaden so groß, dass der Helm ausgetauscht werden muss. Bei den gängigeren Inmould-Helmen besteht der Schaden oft in einem Ablösen der einzelnen Laminate im Inneren – das kann man von außen nicht sehen.

Beeinflusst das Anbringen von Anbauteilen wie einer Helmkamera die Schutzfunktion?
Senner: Dazu sind mir keine speziellen Untersuchungen bekannt. Aber das ist sehr gut vorstellbar. Bei einem Sturz auf die Kamera treten Kanten- und Hebeleffekte auf. Dabei kann der Helm beschädigt werden. Ein zweites Problem der Kameras sind ihre Trägheitseigenschaften. Durch ihren großen Abstand zum Kopf wirken höhere Lasten auf die Halswirbelsäule.

Wie sicher sind die unterschiedlichen Helmkonstruktionen, Inmould bzw. Hardshell?
Senner: Man muss zunächst sagen, dass alle die Prüfungen bestehen. Helme mit harter Außenschale reagieren in Bezug auf spitze Gegenstände besser. Andererseits haben wir Untersuchungen gemacht, dass weiche Außenschalen sich bei einem stumpfen Aufprall, der ja beim Skifahren sehr häufig ist, besser verhalten. Das liegt daran, dass sie verformbar sind, während die harte Außenschale weniger Verformungsweg hat. Dieser wird erst im Inneren erzeugt, und das ist dann zu wenig.


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