Skimodelle unter der Lupe: DSV skiTEST-Leiter Andreas König im Interview

15.03.2016 | 11:00 Uhr

Ski-Industrie und Experten werfen zum Abschluss der diesjährigen Skisaison bereits einen Blick in die Zukunft: Beim „DSV skiTEST 2016“ in Obergurgl werden die neuesten Skimodelle für die kommende Wintersaison auf Herz und Nieren geprüft und bewertet. Denn: Es gibt viele gute Skimodelle auf dem Markt, aber sie müssen vom Charakter her zum Fahrer, seinen Vorstellungen vom Skifahren und seinem Fahrkönnen passen. Wir haben mit Andreas König, einem der beiden Testleiter, über den Ablauf und die Bedeutung des renommierten Tests gesprochen.

Sie sind gerade im österreichischen Obergurgl und dürfen die neuesten Skimodelle unter die Lupe nehmen. Welches Ziel verfolgt DSV aktiv mit einem eigenen Skitest?
Andreas König:
„Mit dem „DSV skiTEST“ wollen wir den DSV aktiv-Mitgliedern und damit den Lesern unseres Mitgliedermagazins einen zusätzlichen hochwertigen Service bieten. Der Test soll explizit dem Endverbraucher zu Gute kommen. Wir wollen sicherstellen, dass die Skifans vor dem Kauf einer neuen Ausrüstung einen Überblick über den gesamten Skimarkt bekommen und umfassende Vorab-Informationen aus neutraler Hand erhalten. Um dann beim Kauf den Filter schon etwas enger stecken zu können. Den Test gibt es bereits über 35 Jahre und er hat sich als eine wirkliche Kaufhilfe etabliert.“

Sie betonen die Neutralität des Tests. Wie kann die denn bei den Verbindungen zum DSV-Leistungssport und zu dessen Vertragsbindungen mit Skiherstellern gewährleistet werden?
König:
„Klar, die DSV Leistungssport GmbH unterhält Kooperationen mit einigen Skiherstellern. Aber davon sind wir gänzlich unabhängig. Die vertraglichen Verbindungen aus dem Leistungssport haben keinerlei Einfluss auf unsere Entscheidungen und Testergebnisse. Wir stellen es allen namhaften Skifirmen frei, am DSV skiTEST teilzunehmen. Mit „namhaft“ meine ich in dem Fall Firmen, deren Modelle im deutschen Sportfachhandel zu erwerben sind. Die Teilnahme am Test ist für die Firmen kostenfrei und sie können selbst darüber entscheiden, welche Modelle sie einschicken und welche Testkategorien sie bestücken möchten. Es ist uns besonders wichtig, dass die Industrie die Ski selbst auswählt.“

Was für Skimodelle werden denn eingereicht und getestet?
König:
„Wir haben insgesamt sieben unterschiedliche Kategorien festgelegt: Race, Sport, Genuss, Allmountain, Offpiste, Lady-Sport und Lady-Mountain. Im Vorfeld schicken wir den Skiherstellern Grundvorgaben, die die ausgewählten Ski erfüllen müssen, etwa bezüglich der Einsatzbereiche, der Längen, der Mittenbreiten oder der Preise. So wird sichergestellt, dass wir die einzelnen Ski innerhalb einer Kategorie auch wirklich gerecht bewerten können und nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Die Skihersteller bestücken die einzelnen Kategorien dann mit ihren Wunsch-Modellen. Dabei darf jede Skifirma pro Kategorie nur ein Paar Ski einschicken, um Chancengleichheit zu gewährleisten. Nahezu alle großen Hersteller, deren Ski man im deutschen Sportfachhandel kaufen kann, machen mit. Wir decken also nahezu den kompletten Skimarkt ab.“

Ski müssen ja oftmals nicht nur optimal laufen, sondern auch noch cool aussehen. Beeinflusst das Design nicht auch die Beurteilung?
König:
„Es gibt jede Menge unterschiedlichster Designs auf dem Markt – aggressive Designs und Designs, die einfach einer großen Masse gefallen. Das Aussehen der Ski beeinflusst im Unterbewusstsein sehr viel! Oftmals entsteht durch die grafische Darstellung und Aufmachung auch eine Erwartungshaltung, die der Käufer an den Ski knüpft. Deswegen war uns von Anfang an klar, dass für ein objektives Testergebnis alle Ski gleich aussehen müssen. Alle Ski werden deshalb im Vorfeld des Skitests mit grauem Klebeband abgeklebt. Damit sind zwei Personen drei Tage lang beschäftigt. Insgesamt werden 1,5 Kilometer Klebeband verbraucht. Die Testpersonen können weder den Namen des Modells noch das Design erkennen und bewerten einen Buchstaben-Zahlen-Code.“

Wie wird konkret getestet und bewertet?
König:
„Wir bewerten die Fahreigenschaften der Ski in einem detaillierten Fragebogen. Dafür stellen wir uns konkreten Fahraufgaben, die bei jedem Ski die gleichen sind. Die einzelnen Testaufgaben werden immer am gleichen Testhang, sogar an der gleichen Stelle gefahren, um andere Einflussfaktoren ausschließen zu können. Pro Ski fahren wir nur eine Abfahrt, damit wir uns als Testpersonen nicht an den Ski gewöhnen. Der erste Eindruck zählt! Testen ist nichts anderes als das Vergleichen von unterschiedlichen Fahreindrücken. Damit man diese vergleichen kann, darf man nur einen Parameter verändern – und das ist der Ski. Alle anderen äußeren Einflüsse bleiben gleich: Testhang, Stelle, Schneeverhältnisse. Dabei geht es um die subjektive Wahrnehmung jedes einzelnen Testers. Durch die große Anzahl an Testpersonen, die alle den gleichen Ski fahren, werden diese einzelnen subjektiven Eindrücke objektiv. Beim Profitest haben wir zwölf Experten aus den Bereichen Lehrwesen, Skirennsport und Freeride. Zusätzlich gibt es eine Vergleichsgruppe, die aus 36 Sportartikelherstellern und 18 DSV aktiv-Mitgliedern besteht. Während die Profis mit dem Fachwissen im Hinterkopf testen, zählt bei den Lesern auch das Bauchgefühl. Die Händler wiederum denken auch schon an Absatzzahlen und Verkaufserlöse. Alle Ergebnisse werden also jeweils von den anderen Gruppen gegengecheckt, um Einflussfaktoren zu minimieren. Der Ablauf des Tests ist übrigens international genormt: Wir testen genau nach der DIN ISO 8783, die eine Anleitung zur Durchführung von Fahrtests für Alpinski gibt. Der DSV skiTEST ist auf internationaler Ebene der einzige Test, der nach dieser Norm abläuft.“

Einen Einfluss auf die Fahrperformance hat auch die Präparierung des Skis. Wie wird dem Rechnung getragen?
König:
„Die Norm legt ganz klar fest, dass die Ski im Auslieferungszustand getestet werden müssen. Also genau so, wie man den Ski auch im Sportfachhandel käuflich erwerben kann. Wir wollen die Ski nicht durch individuelle Präparation verändern. Während der Testwochen wird der Ski durch einen unabhängigen Servicetechniker in diesem Auslieferungszustand erhalten.“

Für einen Laien sehen viele Ski, bis auf das jeweilige Design, recht ähnlich aus. Worin unterscheidet sich die Ausrüstung, dass daraus unterschiedliche Testergebnisse resultieren können?
König:
„Ausschlaggebend ist die Geometrie des Skis. Sie ist festgelegt durch die Länge sowie die Schaufel-, Mitten- und Endenbreite, also die äußeren Merkmale. Schon zwei Millimeter Differenz sind spürbar. Die inneren Merkmale, das innere „Setup“, umfasst das Biegeverhalten des Skis – wie weich, wie hart ist er – das Torsionsverhalten – die Verwindungssteifigkeit um die Längsachse – sowie die Normalkraftverteilung – wie verteilt sich das Gewicht des Skifahrers auf der gesamten Fläche des Skis. Je nachdem wie der Materialmix gestaltet ist und welche Materialien verwendet wurden, unterscheiden sich die Merkmale und damit auch das Verhalten während des Fahrens. Die Unterschiede spürt auch ein Laie, wir beim DSV skiTEST können sie deuten.“

Und worin unterscheiden sich die Ski der einzelnen Hersteller?
König:
„Jede Firma hat ihre eigene Philosophie. Entweder positioniert sich das Unternehmen eher im sportlichen Bereich oder es möchte sich eher breiter aufstellen. Diese Philosophie ist auch in der Skikonstruktion und damit in den Fahreigenschaften erkennbar. Die Skiindustrie entwickelt sich immer weiter, ähnlich der Automobilindustrie. In dem einen Jahr hat eine bestimmte Firma vielleicht einen Vorteil, weil ihre Experten einen entscheidenden Fortschritt im Material entwickelt haben und das „Setup“ besser abstimmen konnten. Im darauffolgenden Jahr hat ein Mitbewerber vielleicht wieder aufgeholt. Es ist ein ständiges Tüfteln und Feilen an kleinen Parametern, um die Ausrüstung jeden Winter noch besser zu machen.“

Der DSV skiTEST ist als Entscheidungshilfe für den Endverbraucher entwickelt. Welche Bedeutung hat der Test für die Hersteller?
König:
„Die Teilnahme und das positive Abschneiden ist für die Skifirmen sehr wichtig! Unter Umständen kann es sogar absatzentscheidend sein. Bekommt ein bestimmter Ski eine schlechte Bewertung, kann das Auswirkungen auf die Nachfrage nach diesem Modell haben. Deswegen ist eine gute Bewertung sehr wichtig für die Firmen. Wir vergeben beim DSV skiTEST zwei Prämierungen: den DSV aktivo und den DSV Sporttipp. Mit dem DSV aktivo werden Ski ausgezeichnet, die ein sehr breites Spektrum abdecken, vielseitig sind, also sowohl sportlich als auch gutmütig. Der DSV Sporttipp geht an solche Ski, die in ihrem Segment herausstechen. Diese Prämierung wird in den Kategorien Race, Sport und Lady-Sport vergeben und innerhalb dieser Kategorien an Ski, die durch ihre sportlichen Fahreigenschaften eine ambitionierte Zielgruppe ansprechen.“

Vielen Dank für das Gespräch.


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