Sicherheit in den Bergen: Interview mit Rolf Frasch von der Bergwacht zur Situation in den Bergen

Sicherheit im Skisport

Allgäu oder Alpen statt Spanien oder Italien: Viele Deutschen verbringen ihre Ferien wegen der Corona-Pandemie auch in diesem Sommer wieder daheim und gerne draußen. Wanderregionen wie die bayerischen Alpen ziehen an – vor allem auch Neulinge. Was das für die Arbeit der Bergretter und Bergretterinnen bedeutet, erzählt Rolf Frasch von der Bergwacht Lenggries im Interview.

DSV aktiv: In einigen Bundesländern sind noch Schulferien. Viele Reisende verbringen aufgrund der Corona-Pandemie ihren Urlaub in Bayern. Wie ist die Situation bei Ihnen in den Bergen?

Rolf Frasch: „Es ist viel los. Derzeit machen wesentlich mehr Leute in Bayern Urlaub. Die Tendenz war schon in den Jahren vor Corona steigend. Jetzt, im zweiten Pandemie-Sommer, geht es gut zu am Berg - und die Hauptsaison fürs Wandern steht uns im Spätherbst noch bevor. Es gibt mittlerweile fast keinen Weg und Gipfel mehr, wo man nicht jemanden antrifft. Speziell am Wochenende ist es sehr voll. Das zeigt sich vor allem in Urlaubsorten wie Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen oder Lenggries. Aber Bayern bietet ein riesiges Netz an Wanderwegen, dadurch verläuft es sich im Sommer besser. Anders war das in der Wintersaison, vor allem mit den Skitourengehern, Schneeschuh-Wanderern und Rodlern. Da bildeten sich regelrecht Schlangen auf den Pisten. An machen Tage waren um die 7.000 Personen im – eigentlich geschlossenen – Skigebiet Brauneck. Das ist eine Menge.“

DSV aktiv: Wie stark beeinflusst die Corona-Pandemie mit den hygienischen Maßnahmen und Regeln die Arbeit der Bergwacht?

Rolf Frasch: „Hände waschen, Hände desinfizieren, saubere Kleidung, Desinfektion der Rettungsmittel und Materialien gehört bei der Bergwacht zum Standard. Unser Hygienekonzept wurde mit Corona nochmals ausgeweitet und verbessert, um das Risiko für alle so gering wie möglich zu halten. Zum einen ging es darum: Wie schützen wir unsere Einsatzkräfte und wie die Patienten? Aber auch: Wie bilden wir Bergretter unter diesen Bedingungen aus? Es durften Ausbildungen weder im Lehrsaal noch im Gelände durchgeführt werden. Das war schwierig und stellte uns vor große Herausforderungen.

Im Winter mussten wir zusätzlich Infrastruktur schaffen, um bei einem Notfall zu den Verletzten zu kommen. Das war mit einem viel größeren Aufwand verbunden als in einem Winter mit regulärem Pistendienst. Wo jeden Tag die Pistenraupe fährt, die Piste präpariert wird, die Hüttenwirte auf und ab fahren, findet die Bergwacht sehr gute Bedingungen vor. Das hat im vergangenen Winter gefehlt. Wir mussten Wege mit der Hand freischaufeln, teilweise haben uns die Liftbetreiber mit der Walze geschoben. Das war ein tolles Miteinander mit der Bergbahn Brauneck. Ohne zu zögern, haben sie uns unterstützt.“

DSV aktiv: Wie sah der Alltag der Bergretterinnen und Bergretter in Pandemiezeiten aus?

Rolf Frasch: „Wir haben zum Beispiel den Rettungsdienst in den Stützpunkten minimiert und vor Ort nur mit zwei Einsatzkräften besetzt. Die anderen blieben zu Hausen in Abrufbereitschaft. Die Rettungsleitstelle klärt uns vor dem Einsatz über den Gesundheitszustand des Patienten auf. Darüber hinaus auch, ob der Patient geimpft oder genesen ist. Die Bergretter und Bergretterinnen mussten wie alle Masken tragen. Das war bei medizinischen Notfällen im Gelände anstrengend, weil man schnell außer Atem kommt. Alle Einsatzkräfte sind zügig geimpft worden. Für mich waren die Einsätze danach wesentlich stressfreier.“

DSV aktiv: Fast 13.000 Menschen benötigen jedes Jahr eine notfallmedizinische Versorgung durch die Bergwacht. Was sind die häufigsten Unfälle jetzt im Sommer?

Rolf Frasch: „Die Corona-Pandemie verändert das Reiseverhalten der Menschen. Es gibt viele „Neulinge“ am Berg. Die häufigsten Unfälle sind Bagatellunfälle. Es handelt sich um Verletzungen der unteren Extremitäten, am Knie- oder Sprunggelenk. Hinzu kommen Patienten mit Kreislaufproblemen, verursacht durch Hitze oder weil sie sich selbst überfordern. Sie sind meist so erschöpft, dass sie nicht mehr weiter gehen können. Vermehrt behandeln wir auch verletzte Mountainbiker und Fahrradfahrer. Deren Anzahl hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Aber man muss auch deutlich sagen: Die Corona-Pandemie hat die Unfallzahlen nicht nach oben getrieben – weder im Winter noch jetzt im Sommer.“

DSV aktiv: Die Flutwelle in der Höllentalklamm, das Hochwasser im Landkreis Garmisch-Partenkirchen: Zuletzt hatten auch die deutschen Bergregionen immer wieder mit Extremwetter zu kämpfen. Hat sich das aus ihrer Sicht verschärft?

Rolf Frasch: „Diese Wetterextreme mit Überschwemmungen beobachten wir überall. Die Gefahr ist am Berg viel größer, als wenn ich draußen in der Ebene unterwegs bin. Ein Unwetter bleibt an den Bergen hängen, regnet sich aus und kann deutlich schlimmere Folgen haben. Je nach Gebiet können Bäche mehr Wasser führen und zu reißenden Strömen werden. Das Drahtseil im Klettersteig kann bei einem Gewitter wie ein Blitzableiter wirken. Dessen müssen sich Wanderer und Bergsteiger bewusst sein. Wer zu einer Tour in den Bergen aufbricht, sollte sich den lokalen Wetterbericht anschauen. Das gehört zur Vorbereitung dazu. Das Deutschland-Wetter aus den Fernseh-Nachrichten reicht nicht aus. Das Wetter im Allgäu ist ein anderes als im Chiemgau oder im Bayerischen Wald. Ich rate jedem dazu, sich da vor einer Bergtour oder Wanderung schlauzumachen.“

DSV aktiv: Welche Ratschläge geben Sie Wanderern und Bergsteigern, um das Risiko zu minimieren?

Rolf Frasch: „Vorab immer die Tour anschauen und sich die Fragen stellen: Kann ich die Tour überhaupt leisten? Reichen Kondition und Erfahrung? Zu welcher Jahreszeit gehe ich die Tour? Was macht das Wetter? Habe ich die richtige Ausrüstung? Es braucht feste Schuhe, Kleidung für jede Wetterlage, Wasser und ein Erste-Hilfe-Set. Und ganz wichtig: Brechen Sie frühzeitig auf. Erfahrungsgemäß kommt es bei uns in der Region erst am Nachmittag zu Gewittern. Schauen Sie, wo die Tour verläuft und in welchem Gebiet sie sich befinden. Diese Angaben sind bei Notfällen für die Bergwacht wichtig.“

DSV aktiv: Ärgern Sie sich darüber, dass die Gefahren am Berg oft unterschätzt werden?

Rolf Frasch: „In ersten Linien kommen meine Kollegen und ich, um zu helfen – jedem. Ich mach mir keinen Gedanken darüber, wie der- oder diejenige in die Situation gekommen ist. Die Menschen bringen sich nicht absichtlich in Gefahr, sondern höchstens aus Unwissenheit.“

DSV aktiv: Sie sind seit mehr als 30 Jahren mit Leib und Seele Bergretter. Was macht für Sie den Job bei der Bergwacht so reizvoll?

Rolf Frasch: „Wir wollen helfen, das ist unser Grundgedanke bei der Bergwacht. Dafür opfern wir unsere Freizeit. Mich faszinieren die Rettungstechniken, die wir anwenden, der Umgang mit Seilen und Karabinern. Die Bergrettung verbindet die technische mit der medizinischen Seite, das macht es interessant und fasziniert mich.“

DSV aktiv: Was wünschen Sie sich für die Zukunft und die kommende Wintersaison?

Rolf Frasch: „Wir wünschen uns alle Normalität, dass der Skibetrieb im kommenden Winter möglich ist. Nochmals so ein Winter wie 2020/21 hätte wirtschaftliche Folgen für die Liftbetreiber.“

DSV aktiv: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Zur Person:

Rolf Frasch ist seit mehr als 30 Jahren bei der Ski- und Bergwacht Lenggries engagiert. In den Wintermonaten ist er als hauptamtlicher Rettungsdienst-Koordinator für das Skigebiet Brauneck zuständig und mit der DSV-Skiwacht für die Stiftung Sicherheit im Skisport (SIS) im Einsatz.

 


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